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for designTim Schlösser for designDi, 21.07.2009
Abgelegt in: Umwelt&Energie

Desertec – Vision für die Energieversorgung der Zukunft oder Solarimperialismus?

Anfang Juli startete in München mit großem Presserummel die sogenannte „Desertec Industrial Initiative“ (DII). Zahlreiche Medien, wie bspw. Spiegel Online, die Süddeutsche Zeitung oder auch die Tagesschau berichteten teilweise sehr ausführliche über die Pläne. Aber worum geht es beim “Wüstenstrom-Projekt” eigentlich?

In Nordafrika und dem Nahen Osten soll ein Netz von großen Solarenergie-anlagen aufgebaut werden, die zum Einen die Standortländer selbst und zum Anderen auch Europa mit Elektrizität versorgen sollen. Zu diesem Zweck sollen Solarthermieanlagen gebaut werden. Das heißt das keine klassischen Photovoltaikzellen verbaut werden wie man sie auch hierzulande vermehrt auf Hausdächern bewundern kann, sondern Parabolspiegel die das einfallende Sonnenlicht auf eine Wärmeleitung (den Absorber) konzentrieren. Mit Hilfe eines Wärmeträgermediums wie bspw. Öl oder Wasser wird dann Dampf erzeugt, der auf klassische Art und Weise über eine Turbine Elektrizität generiert. Mehr Infos zur Technik finden sich unter Anderem auf dem Solarserver.

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) hat in einer Studie ermittelt, dass sich mit Hilfe dieser Technologie in den nordafrikanischen Wüsten bis 2050 ca. 15 – 18% des Energiebedarfs Europas decken lassen könnten. Um diese Prozentzahlen zu erreichen wären Investitionen in einer Höhe von bis zu 400 Mrd. Euro notwendig. Benötigt würde diese Summe für den Bau der Solarkraftwerke, sowie für die Errichtung von Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen (HGÜs), die den Strom ohne zu große Transportverluste über tausende Kilometer ins europäische Stromnetz einspeisen könnten. Die Vorteile eines solchen Projekts lägen einerseits in einer sauberen, klimafreundlichen Energieversorgung für Europa und andererseits in einer wirtschaftlichen Perspektive für die sogenannten MENA-Staaten (Middle-East, Northern Africa).

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Quelle: http://www.desertec.org/downloads/DESERTEC-Map_large.jpg

Das hört sich sowohl nach einem faszinierenden Projekt, wie auch nach einer ziemlich teuren, risikobehafteten Geschichte an. Am 13. Juli 2009 haben sich nun zwölf Unternehmen, darunter die Deutsche Bank, die Münchener Rück Versicherung, RWE, E.On, Siemens und Schott Solar, zusammen-geschloßen um mithilfe der Desertec Industrial Initiative diese Vision zu verwirklichen.

Die darauffolgende Kritik wie auch das Lob gingen quer durch alle üblichen Lager. Greenpeace ist dafür, Hermann Scheer (Solarpabst der SPD) ist dagegen, Angela Merkel findet alles fantastisch und will Geld locker machen und RWE macht zwar mit, ist sich aber selbst nicht ganz sicher wie schnell das Ganze wohin führen soll. Wie soll man also ein solch gewaltiges Projekt, verbunden mit gewaltigen Kosten und zahlreichen technischen wie finanziellen Unsicherheiten finden?

Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo zwischen der bedeutungs-schwangeren Selbstbeweihräucherung der Desertec-Initiative selbst und dem pessimistischen Alarmismus eines Hermann Scheer. Diese lieferten sich nämlich direkt einen spontanen Schlagabtausch per Pressemitteilung. Scheer bezeichnete das Projekt als “Fata Morgana”, Desertec hielt dagegen und warf Scheer vor, dass dieser dezentrale Energieerzeugung und Großanlagen wie Desertec gegeneinander ausspielen würde. Dies ist auch der Kern vieler weiterer Debatten um den Wüstenstrom: soll man eher auf erneuerbare Energien aus Großanlagen oder auf dezentrale Energieerzeugung in der Kommune oder auf dem eigenen Dach setzen? Natürlich stehen Fragen der demokratischen Kontrolle und der Monopolstellung von Großkonzernen in direkter Verbindung zu dieser Debatte.

Die Lösung kann jedoch nicht in einer rein ideologischen Durchfechtung von einem der beiden Konzepte liegen. Dafür ist die Herausforderung einer umfassenden Energiewende viel zu groß. Beide Konzepte müssen miteinander verbunden werden um einen größtmöglichen Effekt zu erzielen. Natürlich kommt der dezentralen Energieversorgung in Deutschland und anderen europäischen Ländern eine große Bedeutung zu, hier hat diese jedoch auch entsprechende Erfolgsaussichten. In den MENA-Staaten sind die wirtschaftlichen Bedingungen hierfür derzeit noch nicht vergleichbar geeignet. Auch würden das Desertec Projekt die dezentrale Enegieerzeugung nicht überflüssig machen sondern ergänzen. Die Prozentzahl 15 – 18% bis 2050 spricht hierbei Bände. Ungefähr genauso viel erzeugt Deutschland bereits heute national aus erneuerbaren Energien. Bis 2020 soll dieser Wert auf mindestens 30% steigen.

Weitere Kritik entstand an den exorbitant hohen Kosten. Selbst in Zeiten von Milliardenunterstützungshilfe für den Bankensektor erregt eine Investionssumme von 400 Mrd. Euro noch einige Aufmerksamkeit. Da sich die Kosten jedoch über die nächsten 41 Jahre verteilen würde, entstünde ein jährlicher Bedarf von ca. 9,75 Mrd. Euro. Primär getragen von Konzernen wie E.On und RWE die gemeinsam 2007 einen Gewinn in Höhe von 14,2 Mrd. Euro eingefahren haben…

Drei Punkte sind jedoch entscheidend:

1. Demokratische Kontrolle

Das Projekt ist nur unterstützenswert, wenn alle Bereiche (Forschung + Entwicklung, Energieproduktion, Energietransport und Energie-vermarktung) demokratischer Kontrolle unterliegen. Deshalb reicht es nicht wenn sich ein paar Konzerne sich zusammen setzen, ein Projekt von solcher politischer Tragweite starten und sich Monopolstellungen in einem Zukunftsmarkt sichern. Die Bundesregierung sowie die Europäische Union sollten sich von Anfang an mit finanziellen Mitteln, sowie wissenschaftlicher und politischer Aufsicht an Desertec beteiligen. Ein weiterer wichtiger Schritt zur Demokratisierung der Energieversorgung wäre die Neutralisierung der Energienetze. In einem ersten Schritt sollten alle deutschen Energienetze in eine Deutsche Netz AG mit dem Bund als Mehrheitseigner überführt werden.

2. Ownership in den Standortländern

Die verheerendste Perspektive für erneuerbare Energien wäre die Entstehung eines “Solarimperialismus”. Die geographischen Vorteile der MENA-Region zu nutzen ohne die Standortländer gleichberechtigt an der Zukunftstechnologie zu beteiligen, wäre nicht besser als der jahrhundertelang vorherrschende westliche Rohstoffkolonialismus in anderen Teilen der “dritten Welt”. Als erstes müsste also durch Desertec den Standortländern eine Perspektive für wirtschaftliche Entwicklung und sozialen Fortschritt gegeben werden. Erst danach darf sich auch Europa am Wüstenstrom bedienen.

3. Fortführung der Aktivitäten in Europa

Auf absehbare Zeit kann Desertec maximal eine Ergänzung der europäischen Energieversorgung darstellen. Deshalb dürfen die Bemühungen für eine klimaschonende, effiziente Energieerzeugung in Deutschland und Europa nicht beeinträchtigt werden. Entlang der Roadmap “Energiepolitik 2020″ des Umweltministeriums und darüber hinaus, muss die konsequente Förderung erneuerbarer Energien hierzulande uneingeschränkt weitergehen.

Wie in fast allen Fragen ist auch beim Thema Desertec eine schwarz-weiß Antwort die falsche. Das Projekt hat das Potential den europäischen Energiemix zu verbreitern und gleichzeitig ein neues Zeitalter der Entwicklung und Kooperation in den MENA-Staaten auszulösen. Dies wäre auch aus übergeordneter friedenspolitischer Perspektive eine reizvolle Aussicht. Entscheidend ist nicht ob Desertec in Angriff genommen werden sollte, sondern wie.

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