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Wie nützlich bist du?

Ich bin mehr Wert als meine Leistung!

Vor zwei Wochen etwa war ich mit meinem besten Freund auf einer Radtour in Polen unterwegs. In einem kleinen Dorf – Baborow – in Ostoberschlesien wohnen zwei einfernte Cousins von mir,  genauer gesagt zwei Söhne der Cousine meiner Oma.  Zum ersten Mal habe ich die beiden besucht und einen schönen Abend mit Grill, frisch geangelten Fischen und Bier und Wodka erlebt.

Am nächsten Tag auf dem Fahrrad viel uns beiden auf: Niemand – keiner der Verwandschaft und keiner der übrigen Gäste aus dem Dorf, die zahlreich hinzukamen um mitzufeiern – fragte mich bzw. meinen Freund: Was machst du beruflich, wo studierst du, was willst du einmal werden und so weiter. Die einzige Frage war: Wie geht es Dir? Bist du gesund? Zurück in Deutschland bin ich seit zwei Wochen hier auf abendlichen Partys unterwegs und die immer währenden Fragen sind: Wo arbeitest du jetzt eigentlich? Wie ist Dein Studienabschluss verlaufen? Und: Wo hast du das letzte Praktikum gemacht? Von den Antworten hängt ab, wie lange das Gespräch dauert. Und auch, obn man vielleicht noch mal auf ein Bier eingeladen wird.

Das alles lehrt uns: Nich nur politische Ideen führen zu abwertenden und ausgrenzenden Mentalitäten. Was heißt es für Arbeitslose oder Transfergeldbezieher wenn Beziehungen ebenfalls nur noch dem Aspekt persönlicher Nützlichkeit gesehen werden. Auch soziale Beziehungen zwischen Menschen werden hier bei uns in Deutschland und ganz erschreckend in unserer Generation ökonomisiert. Wie viele freuen sich nicht darauf, bestückt mit der Visitenkarte durch Empfänge, Meetings, Come togethers oder anderer Netzwerke zu rauschen? Die andere Seite der Medaille: Der Bielefelder Soziologe Heitmeyer hat in einer Studie kürzlöich erst nachgewiesen, dass die Arbeitslosenfeindlichkeit die Fremdenfeindlichkeit inzwischen als ein Übel abgelöst hat.  Ein Drittel der Befragten einer repräsentativen Studie stimmen dem Satz zu: “Menschen, die wenig nützlich sind, kann sich keine Gesellschaft leisten”. 60% der Befragten stimmten folgendem zu: “Ich finde es empörend, wenn sich Langzeitarbeitslose auf Kosten der Gesellschaft ein bequemes Leben machen”. Politiker wie der Junge Liberale Daniel Bahr, die sagen, in Deutschland bekämen die falschen Leute die Kinder, stoßen in das gleiche Horn. Hier wird zwischen Teilen der Gesellschaft, die uns nützen und anderen quasi als Parasiten unterschieden. Diese Denke hat in Deutschland eine erschreckende Tradition, die so in ganz anderem Gewand auftaucht.

So wird aus der Marktwirtschaft eine Marktgesellschaft. Und Heitmeyer steht nicht allein. Ich bin desweiteren gestoßen auf eine Studie der uns bekannten FES (Decker und Brähler), die bestätigt: Druck und Ausgrenzung prägen mehr und mehr das soziale Klima. Offene und demokratische Gesellschaften sind eben auch daran zu erkennen, wie viel Konformität den einzelnen Mitgliedern abverlangt wird und wie schnell ihre Mitglieder an Instanzen ausgeliefert werden – also wenn zum Beispiel in den üblichen Nachmittagstalks im Privartfernsehen Arbeitslose und Transfergeldbezieher wie am Ring durch die Manege geführt werden. Wer gerät besonders unter Druck? Diejenigen, die schon mit dem einen  Bein in der Prekarität stehen, denn sie stehen unter besonderem Rechtfertigungsdruck. Denen, die noch tiefer stehen, wird – um sich abzugrenzen – eine negativere Arbeitshaltung zugeschrieben.

Das haben die Rechten in unserem Land schon immer versucht, für sich fruchtbar zu machen. Aus meiner Sicht sind wir alle gefragt, gegenzusteuern: Auf der nächsten Party auf bestimmte Fragen mal einfach nicht antworten und fragen, warum jemand dazu bereit ist, unbezahlte Praktika in Amerika zu machen. Oder mal ein Stündchen länger die demente Oma im Heim besuchen. Meinen beiden Freunden in Polen geht es jedenfalls gut und sie sitzen jeden Abend zusammen mit ihren Freunden im Dorf und grillen und trinken.  Arbeitslosigkeit ist auch hier ein Problem – die Infrastruktur ist marode, die Fabriken geschlossen und die Kollektivlandwirtschaft zerbricht. Aber die Solidarität ist noch nicht zerbrochen. Ichschaute  in fröhliche Gesichter – nicht in die sich verkrampft ans Bier klammernden Gesprächspartner, die von ihren Praktika und Trainings und Netzwerken berichten.

Wir sind alle mehr Wert als unsere Leistung.

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