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Brot und Spiele in der Veltins-Arena

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Verehrte Zuschauerinnen und Zuschauer!

Der großartige Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen und FC Köln-Fan, Dr. Jürgen Rüttgers, lädt ein: Panem et circenses, Brot und Spiele heute in der Gelsenkirchener Veltins-Arena!

So, oder so ähnlich hätte das eigentlich auch in der Einladung der Landesregierung zur “Campus 2010″-Veranstaltung, bei der Jugendliche aus allen Schichten nach ihrer Meinung befragt werden sollten, lauten können.

Angekündigter Sinn des ganzen Spektakels gestern war eigentlich, dass wir uns gemeinsam Meinungen zu den Themen “Sicherheit und Freiheit”, “Zusammenhalt und Vielfalt” und “Orientierung und Werte” erarbeiten sollten, welche dann in die Petersberger Convention einfließen sollen. Inwiefern diese durch unsere gewählten SprecherInnen einfließen werden, weiß ich nicht, die wurden ständig von Leuten aus der Staatskanzlei belagert.

Aber so, wie früher auch das römische Volk befriedigt wurde, versucht es anscheinend Schwarz-Gelb in NRW: Statt die Politik zu machen, die sich die Menschen des Landes wünschen, werden die Leute persönlich vom Ministerpräsidenten zu Kongressen in Fußball-Arenen eingeladen. Dort gibt’s dann zum Frühstück ein exklusives Catering und beim Mittagessen wird dieses nochmal getoppt. Bei der Vorstellung der Moderatorin erklärt sie uns, dass das heute wie Kino ist und sie sei der Trailer – reingehen, zugucken/essen und wieder raus gehen. Das ist Mitmischen á la Rüttgers.

Während des Essens schaut man dann in Andeutung auf Spiel & Turnier aufs Spielfeld – wenn die Bedienung nicht gerade fragt, ob alles in Ordnung ist. Und “in Ordnung” ist fast nichts: Während die MigrantInnen in Nordrhein-Westfalen sich missverstanden fühlen und die Landesregierung keinen Wert auf Integration legt, erklärt die Abiturientin im Regierungspodium auf der Veranstaltung, dass sie findet, dass das Land so viel und so gute Integrationspolitik macht und erklärt sich als Fan von Minister Laschet, der die Petersberger Convention in seiner Rede einfach zur “Petersburg Convention” umändert. So gut kennt er sich da aus, so wichtig ist ihm die Zukunft Nordrhein-Westfalens! Dass er meint, “auf der Arena” zu sitzen zeigt zusätzlich, wie abgehoben der Minister an diesem Morgen (?) ist. Ganz nebenbei erklärt die Abiturientin, deren Eltern aus Rumänien kommen, dass die Jugendförderung in NRW klasse sei – dann ein echter Knaller: Wenn Jugendliche keinen Ausbildungsplatz finden, läge das einzig und allein daran, dass sie – dass wir – nicht offen genug auf den Arbeitsmarkt eingingen und viel zu unflexibel wären. Die Jugendlichen in NRW sind also allein Schuld daran, dass sie keine Jobs bekommen? Aha!

Ähnlich die Managerin von Microsoft auf dem Podium: Eine Frauenquote mag sie überhaupt nicht – und warum nicht? Weil die Frauen ebenfalls einzig und allein selbst daran Schuld sind, wenn sie’s nicht bis ‘ganz nach oben’ schaffen – sie müssten sich nämlich entscheiden, was sie wollen: Vom Ehemann versklaven lassen, als Hausfrau leben und auf das Kind aufpassen? Oder erfolgreich Karriere machen? Erfolg und Kind gleichzeitig, das geht ja gar nicht. Und dass so viele Männer in den Vorständen sitzen, liegt daran, dass sie sich entscheiden, keine Kinder zu kriegen – Verwirrung im Publikum. Pater Wolfgang aus Düsseldorf, ebenfalls auf dem Podium, glaubt übrigens, dass es keine Wirtschaftskrise gab und aktuell gibt. Und statt weiterer Verwirrung im jugendlichen Publikum, eine Hand voll Leute, ganz vorne, die zuerst klatschen – bei den vorherigen Aussagen und Lobeshymnen auf die Regierung übrigens auch. Eingekauft? Der Verdacht kommt nicht nur bei uns Jusos auf, fragen sich doch die ungebundenen Leute neben uns, ob die Klatscher “noch alle Latten am Zaun haben”. Berechtigte Frage, finde ich.

Trotz aller Ignoranz gibt’s auch ein paar Erkenntnisse: Die Bundeswehr erklärt jetzt auch, dass mehr Bildungsinvestitionen notwendig sind, die Microsoft-Managerin schließt sich an und fügt hinzu, dass Hauptschulen ja doch Abstellgleise wären und Bildung der erste, wichtigste Schritt zu einer guten Entwicklung des Menschen ist. Das klingt doch ganz nach der NRWSPD-Idee der Gemeinschaftsschule – die auch in meinem Workshop zu Integration aufgegriffen wird: Viele SchülerInnen dort wollen nämlich länger gemeinsam lernen, sagen sie, und dass die Gemeinschaftsschule bestimmt ein gutes Instrument für eine erfolgreiche Integration sind. So kommen aus dem Workshop u. A. die Forderungen nach kostenloser Bildung, Gemeinschaftsschule und auch dem kommunalen Wahlrecht für Nicht-EU-Ausländer.

Und trotz aller, die behaupteten, dass es keine Wirtschaftskrise gäbe, die Jugendförderung in NRW spitze sei, Frauen allein schuld seien, wenn sie nicht in die Vorstände kämen, Jugendliche die alleinige Verantwortung dafür zu tragen hätten, wenn sie keine Jobs fänden und angeblich die Integrationsarbeit in NRW super wäre – trotzdem haben wir Jugendliche auf dem Campus der Landesregierung unsere Meinung gesagt und uns nicht einlullen lassen: Wir wollen länger gemeinsam lernen! Wir brauchen kostenlose Bildung! Wir wollen, dass wir und genauso MigrantInnen mehr an unserer Gesellschaft teilhaben! Rüttgers & Co. haben das gehört. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie unsere Meinung wirklich interessiert, ist gering, das wissen wir, auch trotz der Pralinen beim Abschied. Aber wir werden dafür kämpfen, dass ab dem Abend des 9. Mai die SPD die Regierung bildet, damit unsere Forderungen auch wirklich umgesetzt werden.

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Dominic kommentiert am Sa 27.02.2010 22:34:

Der Eintag gefällt mir. Zu dem “auf der Arena sitzen” naja da hat sein Reden schreiber sich etwas vertan. Es heißt ja im Ruhrgebiet “auf Schalke” gehen “auf Zeche” arbeiten. Man müsste vielleicht den ganzen Satz mal hören dann könnte ich als Ruhrgebiets- und Arbeiterkind genau sagen wie er das wohl meinte.

Aber wie gesagt der Eintrag gefällt mir und es bleibt nur zu hoffen das Rüttgers und Co am 9.5 abgewählt werden.

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