Vom Fußball und schwarz-rot-goldenem Stoff
Spätestens seit der Fußballweltmeisterschaft 2002 ist der Nationalstolz auch in Deutschland wieder hoch im Kurs. Wieder? Naja nicht ganz, denn das Aufkommen des Nationalstolzes in Deutschland, das Rücken des Deutschlandgefühls in den Bereich des Sagbaren, ist etwas Neues für die Bundesrepublik. Dass ein halbes Jahrhundert das Nationalgefühl in der BRD eher verpöhnt als erwünscht war, ist dabei eine logische Konsequenz aus den Verbrechen des Zweiten Weltkrieges. Deutschland mit seinen menschenverachtenden Handlungen unter Hitler hatte wahrlich nichts worauf man stolz sein konnte.
Diese Scheu vor nationalen Symbolen und Identitäten bricht jetzt vermehrt auf und so stellt sich die Frage, und nicht nur für uns Jusos, wie hiermit umzugehen ist.
Findige BeobachterInnen unter euch werden gemerkt haben, dass dieser Blogeintrag eine Anlehnung an den Antrag W13 zur letzten Landeskonferenz ist, der von Seiten des Landesvorstandes eingebracht wurde. In ihm wird versucht einen Leitgedanken für uns JungsozialistInnen zu formulieren, wie mit diesem neuen Umstand umgegangen werden sollte. Nun, die Frage nach diesem Umgang ist keine, die schwarz oder weiß beantwortet werden kann. Wie in vielen Bereichen des Lebens sind die Grautöne dazwischen die eigentlich bedeutungsvollen.
Weder das Vergießen von Glückstränen bei der Betrachtung einer Flagge, noch das Verbrennen derselbigen sind sinnvolle Lösungen. Denn in einer ersten Hinsicht ist es nur ein Stück Stoff. Erst die Symbolik die man diesem Stück Stoff verleiht machen es so interessant und emotionsgeladen und somit auch potentiell gefährlich. Und das ist es, was man den BürgerInnen vermitteln muss. Nationalstolz ist ein menschliches Konstrukt, ebenso wie Nationen. Und wie alle menschlichen Konstrukte so sind auch diese veränderbar. Keine Nation ist naturgegeben vorgeschrieben, genauso wenig wie Grenzen oder Religionen. Natürlich gibt es Grenzen als Form einer administrativen Einteilung des Raumes, aber es sind menschliche Aushandlungsprozesse, oft auch menschliche Konflikte, die diese ergeben. Naturdeterministische Begründungsstränge führen dazu, Unterschiede zwischen Gemeinschaften als gottgegeben anzusehen, und nicht als anthropogen geschaffen. Dahinter steckt letztlich auch immer die Gefahr einer Differenzierung der Wertigkeit und hochgeschwankt kann dies Ressentiments gegen Mitglieder anderer Nationen oder Religionen schüren. Das beste Mittel ist dabei nicht, bei der anstehenden Fußball-WM die kleinen Deutschlandwimpeln von den Autos zu reißen. Damit verärgert man vielmehr als dass man aufklärt. Jene Aufklärung ist aber das, was nach vorne gebracht werden muss. Die Menschen müssen zum differenzierten Umgang angehalten werden und auch die Politik in ihrer Vorbildrolle ist gefragt zu differenzieren. Wenn Ballack, Klose und co. im Sommer wieder Tore schießen werden, werde auch ich da sitzen und mir die Spiele anschauen und wieder ein bisschen mitfiebern, wie ich es auch für meinen hiesigen Fußballverein in der zweiten Liga tue und weil ich letztendlich Fußball einfach mag. Aber ich weiß auch, dass kein Fußballsieg das ‚Kollektiv Deutschland‘ besser macht als andere und schon gar nicht geht es der gesamten Gesellschaft mit ihren zahlreichen unterschiedlichen Problemen besser, wenn eine Hand voll Männer in einer Mannschaft mehr Tore schießt als eine andere Mannschaft. Wie in den meisten Fällen also auch, ist das beste Mittel zur Prävention jeglicher Ressentiments aufgeklärte und kritische BürgerInnen.
Diese kritische Reflexion ist aber zumindest in der breiten öffentlichen Debatte nicht in einem ausreichenden Umfang vollzogen worden. Deswegen liegt es an uns Jusos und auch an dir, liebe Leserin, lieber Leser, die Diskussion nach vorne zu tragen, in Parteien und in die Bevölkerung. Ich hoffe dieser kleine Blog-Eintrag (und natürlich auch der W13) ist ein Stein der dies ins Rollen bringt. Sodann: Viel Spaß beim kritischen Nachdenken und weiterhin beim Fußball!


Mi, 24.03.2010
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