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Gelebte Solidarität
Der geförderte Steinkohlebergbau in Deutschland steht vor dem Aus. Dabei bietet die Branche hochqualifizierte Arbeitsplätze und bildet in Zukunftsberufen aus – über eigenem Bedarf. Die Fachkräfte sind auch für andere Unternehmen interessant, haben der Landesvorsitzende der NRW Jusos und der Bundesvorsitzende, Veith Lemmen und Sascha Vogt, festgestellt. Ein Blog aus dem Revier.
“Dass unser Standort und der Steinkohlebergbau insgesamt nicht dicht gemacht wird“, antwortet Enis Ahmetovic, Vorsitzender der Gesamt-Jugendauszubildendenvertretung auf unsere Frage, wie wir oder die Politik im Allgemeinen sie unterstützen könne. Das Gespräch bildet den Abschluss eines spannenden Tages, der uns mal wieder die Erkenntnis lehrt, dass auf den ersten Blick banale Zusammenhänge so einfach doch wieder nicht sind.
Im vergangenen Herbst war der Steinkohlebergbau mal wieder eines der Top-Themen auf der politischen Agenda. Die EU wollte verfügen, dass ab sofort keine weiteren Subventionen gezahlt werden dürften. Letztlich einigte man sich dann aber doch auf den geschlossenen Konsens, die deutschen Steinkohlebergwerke in einem langsamen Prozess bis 2018 zu schließen. Was das aber konkret gerade auch für junge Menschen bedeutet, wird erst klar, wenn man vor Ort erlebt, was Bergbau wirklich ist. Und genau deshalb haben wir uns aufgemacht: Bergbau unter Tage erleben und mit den (jungen) Beschäftigten reden, so unser Programm.
Schon in der Begrüßungsrunde wird deutlich, dass es hier noch Strukturen gibt, von denen andere Branchen wohl nur träumen können. Die gesamte Belegschaft inklusive Vorgesetzten ist per Du, die Mitgliedschaft in der Gewerkschaft ist eine Selbstverständlichkeit, der Organisationsgrad 98 Prozent. Mitbestimmung wird hier gelebt, in alle Entscheidungen ist der Betriebsrat eingebunden. Was uns vor allem fasziniert: Der Stolz, mit dem alle über ‚ihren Bergbau‘ sprechen. Man merkt: Das ist hier für die Menschen nicht einfach nur ein Job. Es ist oft ihre Familiengeschichte und –tradition. Es ist ihre Identiät, es ist ihr Leben. Umso beeindruckter sind wir dann nach unserer rund zweistündigen Grubenfahrt – fix und fertig sind wir und können wohl langsam ahnen, wie anstrengend das Leben als Bergmann sein muss.
Aber Industrieromantik hin oder her: 2018 wird wohl Schluss sein mit der Förderung in den noch fünf Bergwerken. Dass es hier auch um rund 40.000 Arbeitsplätze geht, macht dies besonders bitter. Und auch für junge Menschen an den und um die Bergbaustandorte werden Zukunftschancen vernichtet. Mehrere hundert Auszubildende gibt es noch. Tendenz fallend. Und die werden nicht etwa einfach zum Bergmann ausgebildet. Sondern zum Beispiel zum Industriemechaniker oder zum Mechatroniker. Berufe also, die nicht nur im Bergbau zu finden sind. Viele wechseln nach ihrer Ausbildung zu einem anderen Unternehmen. Weil die Ausbildung einen guten Ruf hat. Und weil hier noch über Bedarf ausgebildet wird und man sich der Verantwortung stellt.
In unserem Gespräch mit der Ausbildungsleitung und der späteren Besichtigung des Ausbildungsbetriebs wird uns klar, dass hier Strukturen aufgelöst werden, die für viele junge Menschen einen guten Einstieg ins Berufsleben darstellen. Überdurchschnittlich viele Hauptschüler werden hier noch aufgenommen. ‚Wir wollen nicht den Wettkampf um die Besten, wir wollen möglichst vielen jungen Menschen eine Chance bieten‘, erläutert der Ausbildungsleiter. Und das mit Erfolg. Denn wenn es mal hakt in der Ausbildung, wird Unterstützung gegeben. ‚Zur Not auch mit Lerngruppen am Wochenende‘; erläutert uns Enis. Solidarität wird hier eben nicht nur gefordert, sondern auch gelebt. Rund 95 Prozent der Auszubildenden machen einen erfolgreichen Abschluss.
Damit wird uns klar, was es bedeutet, wenn der Bergbau abgewickelt wird. Deshalb muss man nicht zwingend für den weiteren Erhalt sein (was die Verfasser sind). Aber man muss politische Antworten finden, welche anderen Strukturen geschaffen werden können, um jungen Menschen Zukunftsperspektiven zu geben. Die nun in Kamp-Lintfort neu gebaute Fachhochschule ist das wohl kein geeignetes Mittel. Eine weitere Erkenntnis für uns: Gute Ausbildung ist möglich. Für alle jungen Menschen. Und hoffentlich lebt wenigstens dieser Anspruch weiter wenn 2018 Schluss sein sollte.


Mo, 24.01.2011
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