More than 6 feet under!
Zugegeben, als Landei aus den Weiten Niedersachsens erscheint der Mythos Kohle und Stahl der Realität entrückt. Muss man dort von Ort zu Ort zum Teil 10 Kilometer zurücklegen, um die theoretische Zahl von 10.000 Menschen getroffen haben zu können, sind solche Werksgrößen im Ruhrgebiet noch vor wenigen Jahren normale Größenordnungen für eine Werksbelegschaft gewesen. Größenordnungen also, die im Grunde nur durch die Anzahl von Hähnchen in einem Stall erreicht werden. Die alten Genossen erzählen mit glänzenden Augen über Hochöfen, den schwarzen Himmel über der Ruhr und ein nie wiedergefundenes identitätsstiftendes Merkmal einer ganzer Region: Aus der Kraft der Menschen am Hochofen, im Stollen oder am Sudkessel ist der Wohlstand des Nachkriegsdeutschlands gestemmt worden. Wohlstand war in stahlgeformte Kraft und keine Zahlen auf flimmernden Bildschirmen.
Für mich höchste Zeit, dem Mythos auf die Pelle zu rücken. Also Klamotten aus, rein in die beige Arbeitskleidung, Stahlkappenschuhe an, Schienbeinschoner drum, Helm auf und ab geht’s in den Schacht. 1.400m unter die Erdoberfläche sollte die Fahrt gehen. Dunkel, eng, heiß und bedrückend – meine Vorstellung von Untertage. Die Türen öffneten sich und da standen wir auf einem leicht geschotterten aber den Arbeitern vorzugsweise im Weg. Die Wege breit, ausgeleuchtet und sommerlich warm. Die Frischluftbrise, allgemein als Wetter bezeichnet, konnte einen den Eindruck eines alpinen Föhns vermitteln. Mein erster Gedanke: Freizeitparkidyll – meine Geschäftsidee.
Unser Steiger führte uns durch ein Gewirr von Gängen und es wurde schnell klar: Dies ist keine politische zur Schau- Stellung mit gestellten Komparsen, wie sie so häufig in alltäglichen Veranstaltungen der Jusos, SPD oder mit Abgeordneten durchgeführt werden. Hier ist nichts gestellt. Einzig unsere Beförderungsbahn sorgte für Tagesausflugsfeeling: Eine Hängebahn fuhr uns knapp 3km durch das verzweigte Tunnelsystem. Die Kumpel surften hingegen auf den nimmer stehenden Förderbändern. Arbeitsschutz wurde großgeschrieben und Besucher daher vor übermütigen Sprüngen auf die unterirdischen Autobahnen bewahrt. Auf dem Weg zum Flöz, an unzähligen Kabeln, Trafos und Rohren vorbei, wurde deutlich, wie das Zusammengehörigkeitsgefühl entsteht: Jeder ist auf den anderen angewiesen und ist sich dessen Bewusst. Wer Untertage arbeitet, kann nicht einfach den Griffel fallen lassen und nach Hause gehen. Unfälle werden schnell lebensgefährlich und bis Hilfe da ist, vergeht mehr als eine Ewigkeit. Kein Wunder also: Solidarität schlägt Individualismus!
Am Flöz angekommen ging es zur Walze. Mit meinen Eltern ging es in meiner Kindheit immer auf den Spielplatz. Mit der Schaufel wurden dann Löcher gegraben und Burgen aufgeschüttet. Die Walze hat meine Kindheit neu geerdet: Mit Teelöffeln lässt sich einfach keine anständige Halde auftürmen. Mit einer unbändigen Kraft arbeitete sie sich durch die Kohleschicht und rückte dem Gestein der Erde zu Leibe. Dass von der gewonnen Energie aus der Kohle nur etwa 5% für den Abbau benötigt werden, macht den Energiegehalt der Steinkohle erlebbar – wenn auch nur zu 5%!
Nach 30 Minuten stiefelten wir in den kleinen „Pausenraum“, kümmerten uns um unseren Wasserhaushalt und nahmen auf Wunsch eine Prise Schnupftabak. Die Eindrücke wirkten und wurden auch auf der Rückfahrt in der Hängebahn sicherlich nicht nur einmal gewendet. Zum Schichtwechsel ging es wieder an die Erdoberfläche. Die weißen Augen im schwarzen Gesicht des Arbeiters an der Walze waren nun nicht mehr ein abstraktes Postkartenmotiv einer vergangenen Zeit – das Motiv ist real geworden.
Nach einem langen politischen Gespräch über das Für und Wider der Steinkohleförderung endete der Tag unter der Dusche und mit der Erkenntnis, dass kein Hähnchenstall eine solche Schaufel hervorbringen wird; dass die Prärie Niedersachsens sicherlich landschaftlich wertvoll sein kann, Untertage aber spektakulär ist; und schließlich dass Steinkohle mehr ist, als Glühlampen zu erhellen!


Do, 19.05.2011
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