AutorInnenarchiv
Die TeilnehmerInnen der Delegationsreise nach Israel/Palästina haben einen Bericht erstellt, der eigene Eindrücke mit Hintergrundinformationen verknüpft.
Der Bericht versucht, den komplexen Nahostkonflikt begreifbar zu machen.
Heute sprechen alle von Gorleben. Dafür herzlichen Dank an mindestens 50 000 DemokratInnen, die sich friedlich gegen die Einlagerung des strahlenden Mülls in Gorleben, gegen das Weiterproduzieren von Müll aufgrund der Laufzeitverlängerung und gegen die Atomenergie an sich zur Wehr setzen. Denn der Castor ist das Symbol für das ungelöste Kernproblem der deutschen Kernenergiewirtschaft.
Das es am Rande solcher großen Volksproteste zu gewalttätigen Szenen kommt, ist (leider) unvermeidlich. Es grenzt an politische Agitation, die eines demokratischen Staates unwürdig ist, wie Atomminister Röttgen, Kanzlerin Merkel und willfährige JournalistInnen versuchen, einzelne Gewalttaten zu verallgemeinern und damit den ganzen Protest zu diskreditieren.
Denn: Der zivile Ungehorsam ist legitim und nötig! Dazu zählen u. U. auch gewaltfreie Gesetzesverstöße!
Die jetzige Bundesregierung verspielt den Vorsprung, den die deutsche Energiewirtschaft im Bereich der erneuerbaren Energien hatte, weil sie unfähig ist, die Macht der Stromkonzerne zu brechen.
Und weil die Regierung auch der Macht der Finanzbranche, der Pharmalobby und der Unternehmerverbände nichts entgegen zu setzen hat, wehren sich BürgerInnen – endlich – gegen die Provokateure in Ministersesseln.
Das letzte Aufgebot der Atomlobby saß bei Anne Will und gab sich der Lächerlichkeit preis. Ahnungslos schwadronierte Thea Dorn von der sauberen Atomenergie und den hässlichen Windrädern und Besserverdiener Lindner von diffusen Ängsten der BügerInnen, weil sie nicht verstünden, wie sicher die Kernspaltung sei. Wie gut, dass der Müll, den Frau Will und einige ihrer Gäste von sich geben, nicht Tausende von Jahren strahlt, sondern sich bereits am Tag nach der Sendung in Wohlgefallen aufgelöst hat.
Tel Aviv ist für sein Nachtleben bekannt. So waren alle dankbar, dass am Vormittag ein Termin ausfiel und wir nicht ganz so früh aufstehen mussten. Wir sonnten und badeten am nahen Mittelmeerstrand. Am frühen Nachmittag ging es nach Herzliya zur FES. Der Referent verstand es, unsere bisherigen Erkenntnisse um Informationen über das Parteiensystem und die Gesellschaft zu ergänzen.
Ganz zum Abschluss unseres Programms hatten wir den Vorsitzenden der Likud-Jugend zu Gast. Dies ermöglichte uns, uns ein direktes Bild davon zu machen, wie Geschichte subjektiv wahrgenommen wird und der Sicherheitsaspekt politische Entscheidungen in Israel dominiert.
Wir möchten uns ganz herzlich bei Britta und Jakob vom WBC bedanken, die ein eindrucksvolles und ausgewogenes Programm auf die Beine gestellt und uns während der Tage kompetent betreut haben.
Vom beschaulichen Kibbuz, in dem wir einen Einblick in die Kibbuzim-Entwicklung und einen Ausblick auf die Zukunftsfähigkeit dieses Wohn- und Lebensmodells erhielten, sahen und spürten wir in Sderot die Folgen der Anschläge aus dem Gazastreifen, die Ende 2008 zum Eingreifen der israelischen Armee führten. Nach einer Führung über das Gelände der Sapir-Universität, die ihre Gebäude “Raketen-tauglich” gemacht hat, sprachen wir mit Naomi von “The other voice”. Die Gruppe bemüht sich um den Dialog mit Menschen aus dem Gazastreifen um den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen. Anschließend fuhren wir weiter nach Tel Aviv. Dort stand ein Gespräch mit einer jungen Stadtverordneten auf dem Programm. Zum gemeinsamen Abendessen kam auch Michal, die neue Vorsitzende der Arbeiterpartei-Jugend und sie stellte den Zustand ihrer Partei und ihre Ziele vor.
Die letzten zwei Tage waren heftig. Umso wichtiger war der heutige freie Tag. Über das Ziel herrschte Einigkeit: Das Tote Meer.
Je nach Schlafbedürfnis brachen wir in zwei Gruppen auf. Die Reisedauer hatten wir wohl alle etwas unterschätzt: Mindestens zweieinhalb Stunden dauerte die Tour vom Hostel mit Bussen quer durch die Wüste. Das frühe (für manche auch spätere) Aufstehen wurde belohnt mit einem herrlichen Bad im Salzsee und viel Sonne. Nur bei der Rückreise gab es Probleme.
So starteten wir etwas verzögert zu unserem neuen Domizil: Einem Kibbuz nahe des Gazastreifens.
Um den Nahostkonflikt zu verstehen, ist es unerläßlich, sich mit dem Holocaust auseinander zu setzen. Deshalb stand heute der Besuch der Gedenkstätte Yad Vashem auf dem Programm.
Wer im Vorfeld dachte, er kenne alle Details, musste erkennen, dass er noch Wissenslücken hat. So klärte uns ein führender Historiker darüber auf, dass die Wissenschaft heute von weit mehr als 6 Millionen ermordeten Juden ausgeht, da detailiertere Erkenntnisse über die Verbrechen an jüdischen Menschen in der Ukraine vorliegen.
Im Gegensatz zu vielen anderen Gedenkstätten bekommen in Yad Vashem die Opfer Namen und Gesichter. Filmdokumente zeigten eindringlich die Eskalationsstufen von der Erniedrigung bis zum Massenmord. Ergreifend war der abschließende Besuch der Erinnerungshalle.
Im Anschluss hatten wir die Gelegenheit, die gesammelten Eindrücke mit VertreterInnen unserer israelischen Partnerorganisationen Young Labour und Young Meretz zu diskutieren. Besonders engagiert haben wir die Begriffe “Schuld” und/oder “Verantwortung” erörtert .
In den letzten drei Tagen hat sich unsere Israeldelegation intensiv in den Nahostkonflikt eingearbeitet und mit GesprächspartnerInnen den Konflikt von verschiedenen Seiten beleuchtet. Heute Morgen brachen wir nach Hebron auf, eine Stadt im palästinensischen Autonomiegebiet, die regelmäßig in den Schlagzeilen ist. 500 Hardcore-Siedler leben inmitten von 150000 Palästinensern und werden von etwa 1000 SoldatInnen abgeschirmt. Wir waren uns im Urteil einig: Hebron ist eine unnötige Provokation und in Kombination mit der gesamten israelischen Siedlungspolitik ein schwerer Ballast für Friedensverhandlungen. Abends besprachen wir mit Mitgliedern unserer Partnerorganisation Meretz die Siedlungspolitik und Auswege aus der verfahrenen politischen Situation.
Der bewegende lange Tag ging mit einem Vortrag eines Vertreters der Organisation “Breaking the silence” zu Ende. Diese Organisation besteht aus ehemaligen SoldatInnen, die sich dafür einsetzen, die Schattenseiten israelischer Militäreinsätze in der Gesellschaft bekannt zu machen.
Gestern trafen wir erstmals die Mitglieder der Shabibeh (Fatah youth movement). Dazu fuhren wir nach Ramallah, denn zum einen wohnen und leben viele palästinensische StudentInnen in dieser Großstadt, die auch Verwaltungszentrale der Autonomiebehörde ist, und zum anderen dürfen viele unserer Gesprächspartner nicht nach Jerusalem reisen.
Wir waren überrascht von der Aufgeschlossenheit, nahmen aber auch viel Verbitterung wahr.
Dank des Intensivvortrages in der FES am Vormittag über die politische Situation im Westjordanland, waren wir auch gut gerüstet für das abendliche lange Gespräch mit den “Nachwuchspolitikern”.
Heute konnten wir mit einem Vertreter der Fatah sprechen, den Campus der Birzeit Universität besichtigen und mit VertreterInnen des Jugendparlaments zusammen kommen, bevor es zurück nach Jerusalem ging.
Das Mittagessen hat die Gruppe heute im WBC selbst gekocht. Und es schmeckte.
Den Nachmittag verbrachten wir in Bethlehem. Obwohl die Stadt direkt vor den Toren Jerusalems liegt, dauert es etwas länger bis der Checkpoint passiert ist. Zunächst besuchten wir die Geburtskirche. Anschließend erhielten wir von Andreas von der Organisation “Dar Annadwa” Einblicke in deren Friedensarbeit zum Aufbau von zivilgesellschaftlichen Strukturen. Ein interessanter Tag, der uns die “Mauer” und ihre Bedeutung für beide Seiten vor Augen führte.
Heute ist ein jüdischer Feiertag und entsprechend leer sind die Straßen. So konnten wir in Ruhe mit dem Bus den Ostteil von Jerusalem erkunden. Dabei hat uns ein super deutsch sprechender Reiseführer die Bedeutung der “Mauer” für die Israelis und die dadurch entstehenden Probleme für die Palästinenser erläutert. Bei strahlendem Sonnenschein und in glühender Hitze konnten wir von unseren jeweiligen Aussichtsspunkten beeindruckende Blicke vom Ölberg auf die Wüste Judäa und die Stadt werfen.


Mi, 05.01.2011
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